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Geburten in Deutschland - 1,6 Kinder pro Frau

Rostock (mpidr) • Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung legt erstmals korrigierte Geburtenraten vor. Sie liegen deutlich über den amtlichen Ziffern. Die Wissenschaftler erwarten eine Trendumkehr im deutschen Geburtenverhalten.

Die offiziellen Geburtenraten (sog. „zusammengefasste Geburtenziffer“) unterschätzen die Geburtenneigung, da sie nicht die endgültige Zahl der Kinder angeben, die ein Frauenjahrgang in seinem Leben gebiert, sondern einen vorab berechneten künstlichen Wert (für 2010: 1,46 Ost und 1,39 West). Dieser unterschätzt die endgültige Kinderzahl, wenn Frauen die Geburt ihrer Kinder in ein immer höheres Alter aufschieben, was in Deutschland der Fall ist. Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung (MPIDR) in Rostock ist es nun erstmals für Deutschland gelungen, diesen so genannten „Tempo-Effekt“ der alternden Mütter aus den Geburtenraten herauszurechnen: Der korrigierte Durchschnittswert für die Jahre 2001 bis 2008 liegt demnach bei etwa 1,6 Kindern pro Frau sowohl für West- als auch für Ostdeutschland.

Die MPIDR-Forscher Joshua Goldstein und Michaela Kreyenfeld, die ihre Ergebnisse jetzt in der Fachzeitschrift „Population and Development Review“ veröffentlichten, konnten die Korrekturen berechnen, da ihnen zum ersten Mal eine Zeitreihe verlässlicher Daten darüber vorlag, in welchem Alter Frauen in Deutschland ihre ersten, zweiten oder folgenden Kinder bekamen. Diese Zeitreihen, die für die Tempo-Korrekturen unerlässlich sind, gab es hierzulande bisher nicht, da die offizielle Geburtenstatistik sie nicht erheben konnte.

Den MPIDR-Wissenschaftlern gelang es nun jedoch, eine solche Zeitreihe auf Basis von Krankenhausdaten genau zu bestimmen (siehe Tabelle auf Datenblatt): In Ost wie West steigt das Alter demnach etwa gleich stark: um fast zweieinhalb Monate pro Jahr im Durchschnitt seit 2001. „Das Geburtenverhalten in Ost und West unterscheidet sich trotzdem immer noch deutlich“, sagt Demografin Michaela Kreyenfeld. Insbesondere werden ostdeutsche Frauen früher Mütter: 2008 durchschnittlich mit 27-einhalb Jahren, ein gutes Jahr vor den West-Müttern.

Die 1970er-Jahrgänge bekommen wieder mehr Kinder

Obwohl die tempo-korrigierte Geburtenrate einen verlässlicheren Eindruck des Geburtenverhaltens gibt als die zusammengefasste Geburtenziffer, ist auch sie nur ein Schätzwert. Auch dieser Wert wird auf Jahresbasis berechnet, um das aktuelle Geburtenverhalten wiederzuspiegeln. Das „tatsächliche“ Geburtenverhalten kann jedoch nur rückblickend auf Basis von Geburtsjahrgängen berechnet werden, mit der so genannten „endgültigen Kinderzahl“.

Deshalb untersuchten Goldstein und Kreyenfeld auch diese Zahl, die sich immer erst dann für einzelne Geburtsjahrgänge angeben lässt, wenn deren Frauen ein Alter von etwa 50 Jahren erreicht haben. Für den Jahrgang 1961 (wird dieses Jahr 50 Jahre alt) liegt die endgültige Kinderzahl bei 1,6 Kindern pro Frau für die alten und bei 1,8 für die neuen Bundesländer. Mit ihren Daten über das Alter der Mütter prognostizierten die MPIDR-Demografen nun erstmals auch den weiteren Verlauf der endgültigen Geburtenrate nach Geburtsjahrgängen.

Demnach sinkt die Kinderzahl für die Frauen, die Anfang der 1960er-Jahre geboren wurden, zunächst auf Werte zwischen 1,5 und 1,6 Kinder pro Frau, und setzt so den Abwärtstrend der letzten Jahrzehnte fort (siehe Grafik auf Datenblatt). Doch dann steigt sie wieder an: „Die Geburtsjahrgänge um 1970 scheinen die Trendwende zu markieren“, sagt Joshua Goldstein. Zwar seien die Vorausberechnungen für Jahrgänge nach 1970 mit einiger Unsicherheit behaftet. Die Trendumkehr sei jedoch sehr wahrscheinlich.

Einfluss der Familienpolitik möglich, aber nicht bewiesen

„Die Trendumkehr bei den endgültigen Geburtenraten könnte mit Änderungen in der jüngeren Familienpolitik zusammenhängen“, sagt Joshua Goldstein. Denn sie beträfe die Generation junger Frauen, die als erste in den Genuss von steigender Kinderbetreuung Unter-Dreijähriger und des neuen Elterngeldes komme. Allerdings würde die Trendumkehr auch in den internationalen Trend passen. Auch in anderen europäischen Länder lässt sich für die jüngeren Geburtsjahrgänge ein leichter Anstieg der endgültigen Kinderzahl beobachten.

Quelle: HRO-News.de | Rubrik: Wissenschaft | Fr., 16.01.1970 - 06:20 Uhr | Seitenaufrufe: 306
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